Roboter-Apotheke: Thomas Derksen über Chinas Nachtschicht
Die Roboter-Apotheke in Shanghai ist eine normale Filiale, in der ein humanoider Roboter die Nachtschicht übernimmt. Der R2 von Robbyant holt dort seit Juli Online-Bestellungen selbstständig aus dem Regal. China-Insider und Robotik-Unternehmer Thomas Derksen hat die Apotheke für Everlast Robotics besucht. Wir zeigen, wie weit der Prototyp ist und was das für deutsche Unternehmen bedeutet.
So funktioniert die Roboter-Apotheke im Alltag
Die Filiale liegt nicht im Hochhausviertel, sondern in einem ganz normalen Wohngebiet. Für den Roboter wurde kein einziges Regal umgebaut. Kunden bestellen per App. Der R2 bekommt den Auftrag, sucht die Produkte zusammen und legt sie vorne ab. Danach holt ein Kurier die Bestellung ab.
Im Video holt der R2 wasserdichte Pflaster aus dem Regal, die jemand online bestellt hat. Dafür nutzt er einen Greifer mit einer Art Saugpfropfen. Das Verpacken kann er noch nicht. Das soll ihm in den nächsten Monaten beigebracht werden. Langfristig könnten auch Roboterhunde oder autonome Kleinfahrzeuge die Lieferung übernehmen.
Auffällig ist die Reaktion der Menschen vor Ort. Weder Mitarbeiter noch Kunden beachten den Roboter. Derksen sieht genau in dieser Offenheit gegenüber Technologie einen großen Vorteil Chinas gegenüber Europa und den USA.
Robbyant: Warum die Alipay-Mutter Roboter baut
Der R2 stammt von Robbyant, auf Chinesisch Ant Lingbo. Die Ant Group, bekannt durch Alipay, hat die Firma im Dezember 2024 in Shanghai gegründet. Ant hält bis heute alle Anteile. Seit Anfang 2025 investierte Ant zusätzlich in rund ein Dutzend weitere Robotik-Startups, darunter Unitree.
Anfang August holte Robbyant erstmals externe Investoren an Bord. Die erste Runde soll 1,5 Milliarden Yuan einbringen, umgerechnet rund 180 Millionen Euro. Eine zweite Runde soll bis Jahresende folgen. Das Geld fließt vor allem in die Software, also in das Gehirn der Roboter.
LingBot: Das Modell ist das Kernprodukt
Im Zentrum steht nicht die Hardware, sondern das KI-Modell LingBot. Robbyant veröffentlicht es als Open Source. Laut Video steuert es inzwischen über 20 Robotertypen von 17 verschiedenen Herstellern. Ant will also nicht den einen Roboter bauen, sondern die Plattform, auf der alle laufen.
Das Muster kennt Ant von Alipay. Der Konzern betreibt keine Läden, wickelt aber in fast allen die Zahlung ab. Die Version im R2 erschien im Juli als Open Source. Trainiert wurde sie mit Zehntausenden Stunden echter Roboterdaten. Deshalb kommt der R2 in einer unveränderten Apotheke zurecht. Mehr zu diesem Ansatz zeigen wir in unserem Beitrag über Robotic Foundation Models.
Die Hardware des R2: Räder statt Beine
Laut Derksen ist die Hardware eines Roboters vergleichsweise einfach. Aktuatoren, Greifer, Motoren, Sensoren und Kameras stecken auch in jedem Elektroauto. Humanoide und E-Autos teilen rund 60 Prozent ihrer Komponenten. Deshalb bauen chinesische Autobauer auch gute Roboter.
Der R2 fährt auf Rädern, denn nachts zwischen Regalen darf er vor allem nicht umfallen. Seine Basis ist nur 45 cm breit und passt durch 65 cm schmale Gänge. Zwei Arme mit je sieben Gelenken tragen bis zu 6 kg. Die Arme greifen vom Boden bis auf rund 2 m Höhe. Der Akku lässt sich nach etwa 4 Stunden tauschen.
Warum Roboter-Apotheken in China Sinn ergeben
China hat über 700.000 Apotheken. Das ist eine der dichtesten Apothekenlandschaften der Welt. Laut Video gehen rund 15 Prozent aller Medikamentenbestellungen nachts zwischen 22 und 8 Uhr ein. Weniger als 10 Prozent der Apotheken haben aber rund um die Uhr geöffnet. Per App kommen Medikamente oft in unter 30 Minuten an.
Robbyant ist in diesem Markt nicht allein. Der Pekinger Konkurrent Galbot rollt Apotheken-Roboter in mehr als zwei Dutzend Städten aus. Dort dauert ein Griff ins Regal rund eine Minute. Robbyant will laut chinesischen Berichten noch in diesem Jahr 20 bis 50 Filialen ausstatten.
Der zweite Chinaschock: Was Unternehmen jetzt wissen müssen
Derksen spricht vom zweiten Chinaschock. Die Zahlen stützen das. Im ersten Halbjahr 2026 kamen 97 Prozent aller ausgelieferten Humanoiden aus China. Das sind über 40.000 Stück in sechs Monaten. Bis Mitte Mai sammelten chinesische Robotikfirmen 5,6 Milliarden Dollar ein, mehr als im gesamten Jahr 2025.
Auch amerikanische Roboter hängen an China. Rund 90 Prozent der Seltenerd-Magnete für Elektromotoren entstehen dort. Seit April 2025 stehen sie unter chinesischer Exportkontrolle. Hinzu kommt das Tempo: Chinesische Hersteller bringen im Schnitt alle 6 Monate eine neue Version. Wie breit der Markt inzwischen ist, zeigt unsere Übersicht zu humanoiden Robotern aus China.
Fazit: Die Roboter-Apotheke ist ein Prototyp mit Signalwirkung
Die Roboter-Apotheke in Shanghai ist nicht perfekt. Der R2 verpackt noch nicht und arbeitet langsam. Doch China setzt bewusst auf Prototypen im Alltag, um Daten zu sammeln. Das Motto vor Ort lautet: Es gibt keine Fehler, nur Learnings. Für deutsche Unternehmen heißt das: Wer diese Entwicklung ignoriert, verliert den Anschluss. Wir rechnen damit, dass ähnliche Apotheken-Roboter auch in deutschen Filialen, Supermärkten und Kiosken auftauchen.
Häufige Fragen
Was ist die Roboter-Apotheke in Shanghai?
Die Roboter-Apotheke ist eine normale Filiale in einem Shanghaier Wohngebiet. Seit Juli übernimmt dort der humanoide Roboter R2 von Robbyant die Nachtschicht. Kunden bestellen per App. Der R2 holt die Produkte aus dem Regal und legt sie für den Kurier bereit. Die Filiale wurde dafür nicht umgebaut. Das Verpacken kann der Roboter noch nicht, das soll in den nächsten Monaten folgen. Für uns ist das ein klarer Prototyp mit echtem Kundenkontakt.
Wer steckt hinter dem Roboter R2?
Der R2 stammt von Robbyant, auf Chinesisch Ant Lingbo. Die Firma gehört vollständig zur Ant Group, der Mutter von Alipay. Ant hat Robbyant im Dezember 2024 in Shanghai gegründet. Seit Anfang August holt Robbyant erstmals externe Investoren an Bord. Die erste Runde soll 1,5 Milliarden Yuan bringen, rund 180 Millionen Euro. Eine zweite Runde ist bis Jahresende geplant.
Warum setzt China Roboter in Apotheken ein?
China hat über 700.000 Apotheken. Laut Video gehen rund 15 Prozent aller Medikamentenbestellungen nachts zwischen 22 und 8 Uhr ein. Weniger als 10 Prozent der Apotheken haben aber rund um die Uhr geöffnet. Gleichzeitig liefern Apps Medikamente oft in unter 30 Minuten. Genau diese Lücke in der Nacht adressieren Anbieter wie Robbyant und Galbot mit Robotern.
Wann kommen Apotheken-Roboter nach Deutschland?
Ein festes Datum gibt es nicht. Thomas Derksen rechnet aber fest damit. Ähnliche Roboter werden früher oder später in deutschen Apotheken, Supermärkten und Kiosken stehen. Chinesische Hersteller bringen im Schnitt alle 6 Monate eine neue Version. 97 Prozent der im ersten Halbjahr 2026 ausgelieferten Humanoiden kamen aus China. Wir empfehlen Unternehmen, diese Entwicklung jetzt aktiv zu beobachten.


























































































