KI-Wettrennen: So verteilt sich die globale Rechenmacht
Das KI-Wettrennen ist der globale Wettbewerb zwischen USA, China und Europa um Strom, Chips und Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Im Format 'Alles auf eine Karte' zeigt Leonard Schmedding, wer bei diesen Rohstoffen vorne liegt. Wir ordnen die Zahlen ein und zeigen, woran jeder der drei Blöcke scheitert.
Ausgangspunkt ist eine steile Behauptung aus der chinesischen Provinz Innere Mongolei. In der Stadt Ulanqab soll das größte Rechenzentrum der Welt entstehen. Angeblich mit tausendfacher Leistung von Colossus, dem Supercomputer von Elon Musks xAI. Ob das stimmt, zeigt sich erst beim Blick auf alle sieben Bausteine einer KI-Anlage.
Ulanqab: Die Stadt hinter dem KI-Wettrennen in China
Ulanqab liegt auf 1.500 Metern Höhe, rund 350 Kilometer nordwestlich von Peking. Die Stadt hat 1,5 Millionen Einwohner. Ulanqab verbraucht 83,7 Terawattstunden Strom im Jahr, also 0,8 % des gesamten chinesischen Verbrauchs. Alibaba, Huawei, Apple, ByteDance und DeepSeek haben dort Verträge über mehr als 64 Milliarden Euro unterschrieben.
Das Aushängeschild heißt Galaxy Campus und gehört dem Windkraftkonzern Envision. Seit dem 6. August 2026 läuft die erste Ausbaustufe. Das Hauptgebäude hat rund 120.000 Quadratmeter Fläche. Ausgelegt ist der Campus auf über 2 Gigawatt, gespeist aus Wind und Sonne vor Ort. Er startet die Initiative Mission Gobi. Die Initiative zielt bis 2030 auf 5 Gigawatt grüne Rechenleistung.
Daneben stehen in Ulanqab bereits rund 100 weitere Rechenzentren. Knapp die Hälfte betreibt Alibaba Cloud. DeepSeek plant dort eine eigene Anlage der Gigawatt-Klasse. Jede dieser Anlagen braucht sieben Dinge: Strom, Kühlung, Fläche samt Genehmigung, Chips, Belichtungsmaschinen, Speicher und Interconnect.
Strom im KI-Wettrennen: China produziert, die USA rechnen
Die Kilowattstunde kostet in Ulanqab 4 bis 5 Cent. Eine Anlage mit 1 Gigawatt spart dadurch rund 640 Millionen Euro Stromkosten im Jahr. China hat 2024 rund 429 Gigawatt neue Erzeugungskapazität ans Netz gebracht. Die USA schafften nur 51. Für 2030 erwarten Analysten in China rund 400 Gigawatt freie Reserve. Das ist etwa das Dreifache des weltweiten Rechenzentrumsbedarfs.
Gemessen wird in Gigawatt, weil Strom die einzige Größe ohne Verhandlungsspielraum ist. Ein Gigawatt entspricht ungefähr einem großen Kernkraftwerksblock. Gezählt wird die kritische IT-Leistung, also der Strom an den Rechnern. Wer diese Unterscheidung ignoriert, landet schnell bei Zahlen, die um den Faktor 10 abweichen.
Trotz 3.890 Gigawatt Erzeugungskapazität fließen in China nur rund 5 Gigawatt in KI-Rechenzentren. In den USA sind es 35 Gigawatt, in Europa 2. Damit stammen 75 % der weltweiten KI-Rechenleistung aus den USA. China kommt auf 15 %, Europa auf unter 5 %. Bis 2031 dürften die USA etwa 260 Gigawatt erreichen, China 55 und Europa gut 20.
Warum Energie zur härtesten Währung der KI wird, beleuchten wir in unserem Artikel zum KI-Energieproblem genauer.
Kühlung und Fläche: Der Norden Europas holt auf
In Ulanqab kühlt die Landschaft mit. Bei 4,3 Grad im Jahresmittel braucht jede rechnende Kilowattstunde nur 10 bis 15 % Zusatzenergie. Im chinesischen Durchschnitt ist es fast die Hälfte. Luftkühlung stößt allerdings bei rund 20 Kilowatt pro Rack an eine Grenze. Die neuesten KI-Systeme ziehen bis zu 246 Kilowatt. Laut Goldman Sachs stieg der Anteil flüssigkeitsgekühlter KI-Server binnen zwei Jahren von 15 auf 76 %.
Google zeigt im finnischen Hamina, wie weit das geht. Das Rechenzentrum steht in einer Papierfabrik aus den 1950er Jahren und kühlt mit Meerwasser. Eine Wärmepumpe mit 7,5 Megawatt liefert 40 Gigawattstunden Fernwärme im Jahr. Die Anlage deckt bis zu 80 % des Bedarfs der Stadt. Am 9. September 2026 kündigte Google mindestens 13 Milliarden Euro für finnische Rechenzentren an.
Europas größtes KI-Projekt entsteht in Narvik nördlich des Polarkreises. Stargate Norway von Nscale und Aker soll bis Ende 2026 rund 100.000 Nvidia-GPUs betreiben. Die Anlage startet mit 230 Megawatt und ist auf 520 ausgelegt. Die Technik dahinter kommt oft aus Deutschland: ebm-papst ist Weltmarktführer für Ventilatoren und setzte im Geschäftsjahr 2025/26 2,24 Milliarden Euro um. Im August 2026 verkaufte die Eigentümerfamilie das Unternehmen für 5,4 Milliarden Dollar an Madison Air.
Fläche ist für keinen der drei Blöcke ein Engpass. Die Genehmigung schon. Mario Draghi errechnete für Deutschland 42 Monate bis zum fertigen Rechenzentrum, für die USA 24. Im Juli 2025 beschleunigte Donald Trump die Verfahren für Anlagen ab 100 Megawatt per Dekret. Das Analysehaus SemiAnalysis sieht Europa durch Regulierung und Netz strukturell gefesselt.
Chips: Chinas eigentlicher Engpass im KI-Rennen
Wie kann ein Land dreimal so viel Strom erzeugen wie die USA und bei KI-Rechenzentren 7:1 hinten liegen? Die Antwort hat drei Teile. Erstens fließt Chinas Strom in Fabriken. In Ulanqab entfallen 88 % des Verbrauchs auf die Industrie. Zweitens kostet KI vor allem Kapital: 2025 standen rund 286 Milliarden privater KI-Investitionen in den USA gegen 12 Milliarden in China. Drittens bleiben Hallen ohne Chips leer.
In Ulanqab kommen die Chips aus drei Richtungen. Alibaba betreibt seinen eigenen Beschleuniger Zhenwu M890 aus der Chipschmiede T-Head. DeepSeek bestellt mindestens 160.000 Ascend 950DT bei Huawei, Auftragswert rund 2,3 Milliarden Euro. Envision sagt bis heute nicht, welche Chips in seinem Campus rechnen sollen.
Landesweit stellt Huawei 2026 weniger als 4 % der Rechenleistung her, die Nvidia produziert. Der Council on Foreign Relations erwartet bis 2027 einen Rückgang auf 2 %. Nvidia setzte in China im Geschäftsjahr 2026 offiziell nur rund 60 Millionen Dollar mit Rechenzentrumschips um. Epoch AI schätzt jedoch rund 660.000 geschmuggelte H100-Äquivalente bis Ende 2025. Das wäre etwa ein Drittel der chinesischen Rechenleistung.
Dazu kommt der legale Umweg über gemietete Rechenleistung in Malaysia, Thailand und Japan. Ein kalifornischer Serverbauer lieferte zwischen April 2024 und Februar 2026 Technik für 5,6 Milliarden Dollar nach Südostasien. DeepSeek-Chef Liang Wenfeng rechnet selbst vor: Für sein nächstes Spitzenmodell braucht er 50.000 Nvidia GB300 oder 200.000 Huawei-Chips. Vier chinesische Chips ersetzen also einen amerikanischen.
Die geopolitische Dimension dieses Kampfs um Halbleiter haben wir im Beitrag zum Chip-Krieg aufgearbeitet.
Europas Monopol: Ohne ASML läuft kein KI-Wettrennen
Europa hat keine eigenen KI-Chips. Auch in Narvik rechnen Nvidia-Karten. ASML aus dem niederländischen Veldhoven verkaufte im zweiten Quartal 2026 kein einziges System nach Europa. Die größten Märkte waren Südkorea, Taiwan und China. Ein ASML-Vizepräsident sagte am 21. September in Amsterdam, Europa investiere nicht.
ASML ist der einzige Hersteller der Belichtungsanlagen für die modernsten Chips. Eine EUV-Anlage kostet rund 150 Millionen Euro. Die neueste High-NA-Stufe kostet mehr als das Doppelte. Nach China darf ASML nur ältere DUV-Technik liefern. Die entscheidenden Teile stammen aus Süddeutschland: Zeiss SMT in Oberkochen schleift die Spiegel aus 50 Kilogramm schweren Glaskeramikblöcken.
Den Laser für das Plasma baut Trumpf in Ditzingen. Die Spiegelbeschichtung hat das Fraunhofer-Institut mitentwickelt. Bei Optik und Laser liegt der Weltmarktanteil beider Firmen bei 100 %. ASML sicherte sich für eine Milliarde Euro knapp ein Viertel an Zeiss SMT.
Speicher und Interconnect: Der Faktor 1.000 schrumpft auf 13
Der Chiphersteller SMIC könnte Chips für über eine Million Beschleuniger im Jahr belichten. Gebaut wird nur ein Bruchteil. Der Grund heißt HBM, High Bandwidth Memory, der Speicher direkt neben dem Rechenkern. Nur SK hynix, Samsung und Micron stellen ihn her. Chinas Hersteller CXMT in Hefei will Ende 2026 in die Massenfertigung gehen. Die Menge reicht für 250.000 bis 300.000 Beschleuniger im Jahr.
Beim Interconnect setzt China auf Masse. Alibaba koppelt in Ulanqab 128 Karten pro Rack mit 800 Gigabyte pro Sekunde. Huawei stellte am 17. September eine Architektur für bis zu eine Million Prozessoren vor. Geliefert ist davon noch nichts.
Damit lässt sich die Ausgangsbehauptung einordnen. Ein chinesisches Standard-Rack rechnet mit 2,5 Kilowatt, ein Rack in Memphis zieht über 100. In Gigawatt stehen 12,5 unter Vertrag gegen 946 Megawatt bei Colossus. Das ergibt Faktor 13 statt Faktor 1.000. Und von den bestehenden Anlagen in China läuft nach Pekinger Schätzung nur ein Viertel bis ein Drittel.
Fazit: Drei Blöcke, drei Engpässe im KI-Wettrennen
Das KI-Wettrennen entscheidet sich an unterschiedlichen Gliedern derselben Kette. China hat Strom im Überfluss, ihm fehlen Speicher und Silizium. Die USA haben Chips, Kapital und drei Viertel der Rechenleistung. Die USA stoßen an die Grenzen ihres Stromnetzes. Europa baut die Maschinen, ohne die keiner auskommt, ist aber selbst kaum Kunde.
Für Unternehmen heißt das: Rechenkapazität bleibt knapp und politisch. Wer KI-Projekte plant, sollte Abhängigkeiten von Anbietern und Regionen früh prüfen. Alle Standorte, Zahlen und Quellen bündelt unser kostenloser Report zum KI-Wettrennen.
Häufige Fragen
Wer führt im KI-Wettrennen zwischen USA, China und Europa?
Die USA führen deutlich. Rund 75 % der weltweiten KI-Rechenleistung stammen aus den USA. China kommt auf etwa 15 %, Europa auf unter 5 %. Für KI-Rechenzentren stehen in den USA rund 35 Gigawatt bereit. In China sind es etwa 5, in Europa 2. Bis 2031 dürften die USA auf etwa 260 Gigawatt wachsen. Für Unternehmen bedeutet das: Die meisten KI-Dienste laufen weiter auf US-Infrastruktur.
Warum hat China so viel Strom, aber wenig KI-Rechenleistung?
Chinas Strom fließt überwiegend in die Industrie. In Ulanqab entfallen 88 % des Verbrauchs auf Fabriken. Dazu kommt Kapital: 2025 standen rund 286 Milliarden privater KI-Investitionen in den USA gegen 12 Milliarden in China. Der wichtigste Engpass sind aber Chips und HBM-Speicher. Exportkontrollen begrenzen den Zugang zu Nvidia-Hardware und zu modernem Speicher. Der billigste Strom nützt wenig, wenn die Hallen leer bleiben.
Welche Rolle spielt Europa im KI-Wettrennen?
Europa betreibt kaum eigene KI-Rechenleistung, kontrolliert aber ein Monopol. ASML in Veldhoven baut als einziger Hersteller die EUV-Belichtungsanlagen für moderne Chips. Die Spiegel kommen von Zeiss SMT aus Oberkochen, der Laser von Trumpf aus Ditzingen. Gleichzeitig verkaufte ASML im zweiten Quartal 2026 keine einzige Anlage nach Europa. Lange Genehmigungen von rund 42 Monaten in Deutschland bremsen den Ausbau zusätzlich.
Ist das Rechenzentrum in Ulanqab tausendmal stärker als Colossus?
Nein. Die Behauptung vergleicht Racks, die nicht vergleichbar sind. Ein chinesisches Standard-Rack rechnet mit 2,5 Kilowatt, ein Rack bei xAI in Memphis zieht über 100 Kilowatt. In Gigawatt stehen in Ulanqab 12,5 unter Vertrag gegen 946 Megawatt bei Colossus. Das ergibt etwa Faktor 13. Zudem läuft nach Pekinger Schätzung nur ein Viertel bis ein Drittel der gebauten Anlagen in China.





































































































