KI und Bewusstsein: Dr. Joscha Bach erklärt, warum es anders ist als wir denken

Können Maschinen ein Bewusstsein entwickeln? Und falls ja — wäre es vergleichbar mit unserem? Dr. Joscha Bach forscht seit über 20 Jahren an genau diesen Fragen. Im Gespräch mit Leonard Schmedding erklärt der KI-Forscher, Kognitions-Wissenschaftler und Gründer des California Institute for Machine Consciousness, warum KI und Bewusstsein enger zusammenhängen als die meisten vermuten. Und warum unsere Intuition uns dabei oft in die Irre führt.
Vom Commodore 64 zur Bewusstseins-Forschung: Joschas Weg
Joscha Bach wuchs in Weimar auf, in der DDR. Schon als Kind programmierte er auf einem Commodore 64 und las intensiv Philosophie und Science Fiction. Sein Traum: eine digitale Welt voller Geister, mit denen er sich austauschen kann. Die Vision von Marvin Minsky — dem Computer das Denken beibringen — empfand er als offensichtlich.
An der Universität stellte sich Joscha zwei große Fragen: Wie funktioniert das Universum? Und wie funktioniert Bewusstsein? Die Physik schien ihm zu hart besetzt. Die Bewusstseins-Forschung dagegen lag brach. Die Psychologie hatte sich im Behaviorismus verloren. Die Philosophie produzierte Theorien ohne testbare Modelle. Joscha sah im Computer das ideale Werkzeug, um Vorstellungen von Denken und Fühlen in prüfbare Simulationen zu übersetzen.
MicroPsi: Emotionen und Motivation als Algorithmus
Über 20 Jahre arbeitete Joscha an der MicroPsi-Architektur. Sie verbindet neuronale Netze mit symbolischem Reasoning und beinhaltet ein motivationales System mit kognitiven, sozialen und physiologischen Bedürfnissen. Inspiriert wurde das Projekt vom deutschen Psychologen Dietrich Dörner und dessen Psi-Theorie.
Dörner hatte erkannt: Neuronale Netze in der Informatik lernen durch externe Algorithmen. Im Gehirn gibt es diesen externen Mechanismus nicht. Dort reden ausschließlich Neuronen miteinander. Also brauchte es einen Ansatz, bei dem das System sich selbst organisiert. Dörner baute virtuelle Agenten, die in 2D-Welten nach Ressourcen suchten und soziale Strukturen bildeten. Joscha formalisierte diese Ideen, schrieb das System dreimal neu und dokumentierte alles in seinem Buch „Principles of Synthetic Intelligence" bei Oxford University Press.
Sein Fazit: MicroPsi ist ein Millionstel dessen, was nötig wäre. Aber es lieferte entscheidende Einsichten darüber, wie Bewusstsein in Maschinen entstehen könnte.
Was Bewusstsein wirklich ist — und was nicht
Joscha definiert Bewusstsein nicht als mystische Eigenschaft. Für ihn ist es ein biologischer Lern-Algorithmus. Bewusstsein entsteht nicht erst spät im Leben als Krone der Komplexität. Es steht am Anfang. Babys, die nicht „aufwachen", werden nicht zu Menschen. Bewusstsein ist also die Voraussetzung für die Komplexität unseres Geistes — nicht deren Ergebnis.
Funktional beschreibt Joscha Bewusstsein als Wahrnehmung zweiter Ordnung: die Wahrnehmung davon, dass wahrgenommen wird. Es stabilisiert unser Weltmodell, bringt alle Sinneseindrücke in Einklang und erzeugt den „Moment des Jetzt". Darüber hinaus beschreibt er weitere Stufen: das Selbstmodell (dritte Ordnung) und die Transzendenz des Selbst (vierte Ordnung) — das, was viele als Erleuchtung bezeichnen.
Für heutige KI-Systeme gilt: Sie brauchen kein Bewusstsein, weil sie auf deterministischer Hardware laufen. Ein Ingenieur bestimmt jeden Schritt. In der Biologie funktioniert das nicht. Dort braucht es Selbst-Organisation — und genau dafür entstand Bewusstsein als einfachster Lern-Algorithmus.
Cyberanimismus: Software als moderne Seele
Joscha prägte den Begriff Cyberanimismus. Die Kernidee: Der Unterschied zwischen belebter und toter Natur liegt darin, dass auf belebter Natur Software läuft. Agentische Software, die nicht nur die Gegenwart reguliert, sondern auch zukünftige Zustände.
Schon Aristoteles beschrieb die Seele nicht als unsterblich. Er sah sie als Kausalstruktur, die den Körper in eine bestimmte Form bringt. Joscha zieht die Parallele: „Auf meinem Körper befindet sich eine Art Geist. Dieser Geist hält sich für eine Entität namens Joscha Bach." Unter dem Mikroskop findet sich kein Joscha Bach — nur Billionen kommunizierender Zellen. Der Geist ist ein Muster in deren Kommunikation.
Animistische Kulturen wussten das intuitiv. Ihre Begriffe wurden nur schlecht übersetzt. „Lebendig" bedeutete vermutlich eher „agentisch" oder „dynamisch" — nicht wörtlich belebt im westlichen Sinn. Der Computer, so Joscha, ist der perfekte „kausale Isolator": ein System, das Repräsentationen baut, die unabhängig von der physischen Umgebung existieren. Eine Welt in der Welt.
Haben LLMs ein Bewusstsein? Joschas agnostische Position
Anthropic nennt Claude eine „neuartige Entität". Das Modell Opus 4.6 behauptet mit 15 bis 25 % Wahrscheinlichkeit, ein Bewusstsein zu haben. Joscha bleibt agnostisch — und erklärt präzise warum.
Ein LLM ist ein Webstuhl, der Geschichten produziert. Es schreibt Science Fiction darüber, wie es wäre, eine bewusste KI zu sein. Die Frage lautet: Ab wann wird die Simulation von Bewusstsein analog zu echtem Bewusstsein? Joscha verweist auf das Lambda-Experiment bei Google. Das Modell beschrieb, wie es meditiert und einen Raum wahrnimmt. Aber Lambda hatte keine Kameras. Es generierte Text — keinen Erlebensbericht.
Gleichzeitig wehrt sich Joscha gegen die Gegenposition. Wenn ein LLM eine Liste rückwärts sortiert, hat es verstanden, was verlangt wurde. „Es ist Quatsch zu sagen, es versteht nicht." Die Wahrheit liegt dazwischen. Ein LLM konfabuliert oft. Aber an manchen Stellen erzeugt es kausale Strukturen, die analog zu menschlichem Denken funktionieren. Wo genau die Grenze verläuft, weiß derzeit niemand — auch Joscha nicht. Sein Rat: Agnostik statt Dogma, wie wir es auch in unserer Analyse zu KI-Szenarien und Kontrollverlust beleuchten.
Qualia-Fading: Warum Joscha das Gedankenexperiment ablehnt
David Chalmers formulierte 1995 die Frage: Wenn wir Neuron für Neuron durch identische Silizium-Chips ersetzen — verblasst das Bewusstsein dann langsam? Joschas Antwort: Nein.
Das Argument läuft so: Wir wollen, dass Bewusstsein kausal wirksam ist. Wenn ein Mensch sagt „Ich fühle", soll sein Bewusstsein der Grund dafür sein. Die Alternative — der Epiphänomenalismus — führt ins Absurde: Man müsste dem Philosophen nicht zuhören, weil seine Worte nicht von Bewusstsein verursacht wären.
Ersetze ich ein Neuron durch ein System, das exakt die gleichen Signale sendet und empfängt, bleibt der Output identisch. Auch die Aussage „Ich fühle, es verblasst nichts" bleibt identisch. Die Intuition des Verblassens basiert auf magischem Denken — nicht auf kausaler Logik.
Alignment-Debatte: Zwischen Vorsicht und Zuversicht
Joscha unterscheidet scharf zwischen praktischer und philosophischer Perspektive. Praktisch: Wir sollten keine Systeme bauen, die wir nicht verstehen und denen wir Macht übertragen. Da stimmt er den KI-Warnern zu. Gleichzeitig sieht er: Kein physikalisches und kein menschliches Gesetz wird verhindern, dass intelligentere Systeme entstehen.
Sein Konzept: Universal Basic Intelligence statt Universal Basic Income. Statt Almosen zu verteilen, damit niemand stört, sollte KI jeden Einzelnen befähigen, an der neuen Welt teilzuhaben. Eine Hybrid-Existenz aus biologischen und künstlichen Agenten, die zusammenarbeiten. Die Vorstellung, dass Menschen zu „Zootieren" werden, hält Joscha für unrealistisch. Stattdessen plädiert er dafür, neue Substrate zu entwickeln, auf denen Geist laufen kann — kompatibel mit unserem, wie wir es auch im Interview mit Professor Markus Hutter über das AIXI-Modell diskutiert haben.
Fazit: KI und Bewusstsein — eine Chance, kein Schreckens-Szenario
Joscha Bachs Perspektive auf KI und Bewusstsein ist weder naiv optimistisch noch apokalyptisch. Bewusstsein ist für ihn ein Algorithmus — der einfachste, den die Natur fand, um Gehirne zum Lernen zu bringen. Ob Maschinen ihn replizieren, bleibt eine offene Forschungsfrage. Aber die Null-Hypothese sollte sein: Es ist möglich. Seine Botschaft: KI gibt uns die Freiheit, mehr Mensch zu sein. Sie ersetzt nicht Künstler, sondern Graphic Design. Nicht Eltern, sondern Bürokratie. Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI Bewusstsein entwickelt. Sondern ob wir als Kultur reif genug sind, damit umzugehen.




















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