Thomas Zurbuchen verantwortete als NASA-Wissenschaftsdirektor ein Jahresbudget von 8,6 Milliarden Dollar. Er leitete über 130 Missionen, brachte den Perseverance Rover zum Mars und das James Webb Teleskop in den Orbit. Jetzt leitet er die Space Initiative an der ETH Zürich. Im Gespräch mit Leonard Schmedding erklärt er, warum Rechenzentren bald im All schweben, KI bereits auf dem Mars Fahrten plant und der Mond wirtschaftlich interessanter ist, als die meisten denken.
Vom Berner Oberland zur NASA: Ein Weg durch die Sterne
Thomas Zurbuchen wuchs in Heiligenschwendi auf. Ein kleines Bauerndorf im Berner Oberland. Als Sohn eines freikirchlichen Predigers lebte er in einer abgeschlossenen Gemeinde. Die Sterne wurden sein Fenster zur Welt. "Für mich war Sterne nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern auch ein Ziehen weg von wo ich war", erzählt er.
Er studierte Physik in Bern, promovierte 1996 in Astrophysik und zog zwei Wochen später in die USA. An der University of Michigan wurde er Professor für Weltraumforschung. Dort gründete er das größte studentische Entrepreneurship-Programm Amerikas mit. 2016 folgte der Ruf als Wissenschaftsdirektor der NASA - eine Position, die er länger hielt als jeder andere in der Geschichte der Behörde.
Unter seiner Führung berührte ein Raumschiff erstmals die Sonne. Der Ingenuity-Helikopter flog als erstes Fluggerät kontrolliert auf einem anderen Planeten. Und das James Webb Space Teleskop erreichte seinen Orbit anderthalb Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
DART-Mission: Erstmals einen Asteroiden abgelenkt
Eine seiner ersten Entscheidungen als NASA-Chef: die DART-Mission ins Budget nehmen. Am 26. September 2022 traf ein Raumschiff absichtlich den Asteroiden Dimorphos. Im März 2026 bestätigte die NASA: Der Einschlag verschob erstmals die Sonnenumlaufbahn eines natürlichen Objekts.
Mehrere tausend Körper mit über 140 Metern Durchmesser kreisen in Erdnähe. Sie könnten ganze Städte auslöschen. Zurbuchen sah in der Mission mehr als Forschung. "Teil davon ist, weil ich das Gefühl habe, dass wir in der Forschung auch der Menschheit helfen", sagt er. Die Mission kostete nur ein Viertel einer typischen Planetenmission - und war ein Riesenerfolg. Es kam "eine Fontäne von Material raus, viel mehr als wir je gedacht haben."
Das neue Mondrennen: Wer holt sich den Mond?
Artemis 2 soll den ersten bemannten Mondflug seit 50 Jahren starten. China bestätigt eine bemannte Mondlandung vor 2030. Allein 2026 versuchen vier private Firmen Mondlandungen, darunter Jeff Bezos mit Blue Origin. NASA-Chef Jared Isaacman hat laut Zurbuchen "allen Firmen angerufen und gesagt, die höchste Priorität muss der Mond sein." SpaceX verschob daraufhin seine Mars-Pläne um sechs bis sieben Jahre.
Drei Bereiche machen den Mond wirtschaftlich interessant. Erstens: seltene Metalle für Elektronik, die auf der Erde limitiert sind. Zweitens: Helium-3 aus dem Sonnenwind - wichtig für Quantencomputer und Kernfusion. Drittens: Wasser und Kohlenstoff-Verbindungen unter der Oberfläche. Damit könnten Raketen auf dem Mond betankt werden statt auf der Erde. Der Mond hat weniger Gravitation und keine Atmosphäre. Das spart enorm Energie.
Zurbuchen bremst die Euphorie: "In keinem Fall ist der wirtschaftliche Fall absolut klar. Es sind Annahmen und Hoffnungen, die uns treiben." Doch genau so beginne jede Erforschung neuer Gebiete.
KI auf dem Mars: Perseverance plant Fahrten mit Claude-Modellen
An der ETH Zürich entwickelt Zurbuchen den Moonwalker - einen vierbeinigen Laufroboter für Mondmissionen. Herkömmliche Rover funktionieren nur auf flachen Oberflächen. Vulkanische Röhren und steiles Gelände bleiben unerforscht. Die Lösung: Roboter mit Beinen statt Rädern, inspiriert von der Schweizer Bergwelt.
Seit Ende 2025 absolviert der Perseverance Rover auf dem Mars seine ersten KI-geplanten Fahrten. Dabei kommen Anthropic-Modelle zum Einsatz. Zurbuchen ordnet ein: "Es gibt zwei dumme Arten, mit neuer Technologie umzugehen. Einfach tun und glauben, nichts Schlechtes kann passieren. Oder sagen, etwas Schlechtes kann passieren, also machen wir nichts."
Die NASA wählt den dritten Weg: gemeinsam in einer Sandbox lernen. Weltraumtechnologie verzeiht keine Fehler. "Wenn der Rover verloren ist, ist er verloren." Das Ziel: KI soll Rover zehnmal schneller machen, damit sie mehr Oberfläche erforschen. Besonders spannend für die KI: Hindernisse erkennen, gefährliche Sandbanken meiden und Meteoriten identifizieren, die von anderen Planeten stammen - wie wir es in unserem Artikel über KI-Agenten und ihre Anwendungen beschreiben.
Rechenzentren im Orbit: Drei Gründe für Computation im All
Google arbeitet mit Project Suncatcher daran, TPUs in den Orbit zu senden. OpenAI, SpaceX und weitere Unternehmen treiben ähnliche Projekte voran. Thomas Zurbuchen sieht drei Treiber.
Erstens: Energie und Umwelt. Jedes neue Rechenzentrum braucht ein Kraftwerk. In manchen Regionen verbrauchen Computer bereits fast zehn Prozent der Energie. Rechenzentren im Orbit entlasten die Erde.
Zweitens: Militär. Entscheidungen im Weltraum erfordern Rechenleistung vor Ort. Die Latenz zur Erde ist zu hoch für Echtzeit-Anwendungen. Das Golden-Dome-Projekt der USA treibt diese Entwicklung.
Drittens: Datensicherheit. Wer Computer im Weltraum betreibt, kontrolliert den Zugang. Keine Hintertüren für fremde Länder oder Firmen. Zurbuchen betont die europäische Perspektive: "Wenn man die Daten rauf und runter schicken kann, sind diese Daten wirklich sicher."
Drei große Hürden bleiben: Energieversorgung durch ausrollbare Solarpanels, Wärmeabstrahlung im Vakuum und schnelle Daten-Kommunikation zwischen den Knoten. Zurbuchen sieht das pragmatisch: "Man fängt an, vielleicht nur ein Prozent so gut wie auf der Erde. Und dann baut man das System aus."
Thermodynamik zwingt die Berechnung ins All
Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik setzt der Erde ein festes Wärmebudget. Jede Berechnung erzeugt Abwärme. Mit dem Ausbau von Rechenzentren steigt diese exponentiell. Irgendwann bedroht allein die Abwärme die Erde - egal welche Energiequelle.
Zurbuchen bestätigt die physikalische Logik. Doch er rahmt es breiter: "Wir wollen keinen Gegensatz bilden zwischen Menschen aus der Armut rauszubringen und der Gesundheit des Planeten. Diesen Widerspruch gibt es nur, weil wir die falschen Energiequellen haben."
Seine Vision für die nächsten zehn bis 30 Jahre: Fabriken und Infrastruktur, die die Erde belasten, sollen ins All verlagert werden. "Ich möchte, dass der Planet schöner wird, natürlicher, mit mehr Bäumen und nicht mit mehr Fabriken." Das klingt nach Science-Fiction. Doch Konzepte wie Matroschka-Brains - verschachtelte Dyson-Sphären, die Abwärme für weitere Berechnungen nutzen - zeigen die physikalischen Möglichkeiten.
Elon Musk schlug prominent vor, Quantencomputer in die permanent beschatteten Krater auf dem Mond zu setzen. Zurbuchen sieht die Logik: "Die negativen Dinge der Mondumgebung - Vakuum und Kälte - sind die positiven in einer Quanten-Computing-Umgebung."
Fazit: Europa braucht mehr Mut in der Raumfahrt
Thomas Zurbuchen fordert ein europäisches Gegenstück zu SpaceX. Er nennt ISAR Aerospace, The Exploration Company, das belgische Aerospace Lab und Swiss 12 als vielversprechende Startups. "Einige der wichtigsten Denker kommen aus Europa. SpaceX wäre nicht so passiert ohne Hans Königsmann", betont er.
Sein Appell an junge Europäer: diese Firmen hier bauen, nicht in die USA abwandern. Seine kühnste These für die nächsten zehn Jahre: KI und Erdbeobachtung werden so eng verschmelzen, dass ein Bauer weltweit per Smartphone erfährt, wo Dünger nötig ist. "80 Prozent des Düngers brauchen wir nicht."
Und die größte Frage? "Gibt es Leben außerhalb der Erde?" Nicht intelligentes Leben - bakterielles. Denn auf der Uhr des Lebens sind 59 Minuten und 30 Sekunden von zwölf Stunden einzelliges Leben. Nur die letzten Sekunden gehören dem Menschen.
Voyager erreicht im November 2026 einen Lichttag Entfernung. Das ist das Maximum, das die Menschheit bisher geschafft hat. "Wir geben mehr Geld fürs Militär aus als für die Forschung vorwärts", sagt Zurbuchen. "Ich möchte, dass wir Dinge aus dem Sci-Fi in die Realität bringen."





























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