Chinas KI-Aufholjagd: Frank Sieren im Interview – Was der führende China-Experte jetzt sagt

China rüttelt gerade an den Grundfesten der globalen KI-Ordnung. Neue Modelle wie GLM-5 und MiniMax M2.5 fordern westliche Spitzenreiter direkt heraus. Humanoide Roboter laufen vom Band. Und das alles geschieht in einem Tempo, das selbst Branchenkenner überrascht.
Wir haben mit Frank Sieren gesprochen – dem führenden deutschen China-Experten, der seit über 30 Jahren in Peking lebt. Er ordnet Chinas KI-Strategie ein, erklärt die wahren Hintergründe der Open-Source-Offensive und zeigt, was die meisten dabei komplett übersehen. Ergänzt wird das Interview durch aktuelle Daten und Fakten zu den wichtigsten chinesischen KI-Produkten dieser Woche.
Frank Sieren: 30 Jahre China-Erfahrung aus erster Hand
Frank Sieren gehört zu den profiliertesten deutschen Stimmen, wenn es um China geht. Als Journalist, Autor und Analyst beobachtet er den Aufstieg des Landes seit drei Jahrzehnten direkt vor Ort. Live aus Peking zugeschaltet, beschreibt er die aktuelle Stimmung so: Sie gleicht einer Mischung aus Silvesterabend und Weihnachten.
Und tatsächlich: Kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest – dem Jahr des Feuerpferdes – haben chinesische Tech-Firmen eine Welle an Produkten losgetreten. GLM-5, MiniMax M2.5, Seedance 2.0, Tiangong 3.0. Alles in einer Woche. Frank Sieren überrascht das nicht. Er sagt: „Da muss man davon ausgehen, dass sie dieses Tempo auch beibehalten."
Die Botschaft ist klar. China will im alten Jahr noch möglichst viel abliefern. Was nach der Neujahrspause folgt, dürfte laut Sieren vor allem Praxistests sein. Wie belastbar sind die neuen Modelle im Alltag? Wie ausgereift ist die Technik? Sieren erwartet Ergebnisse, die positiv überraschen.
GLM-5: Trainiert auf Huawei-Chips – ganz ohne Nvidia
Das bemerkenswerteste Produkt dieser Woche ist GLM-5 von Zhipu AI. Ein Sprachmodell mit 744 Milliarden Parametern, davon 40 Milliarden aktiv pro Abfrage. Es nutzt eine Mixture-of-Experts-Architektur mit 256 Experten und verarbeitet Kontextfenster von bis zu 200.000 Token.
Doch Frank Sieren betont: „Vielleicht ist nicht das Modell selbst das Bemerkenswerte – sondern worauf es trainiert wurde." GLM-5 lief ausschließlich auf Huawei Ascend Chips. Kein einziger Nvidia-Prozessor kam zum Einsatz. Das MindSpore-Framework von Huawei ersetzte die übliche Nvidia-Software-Infrastruktur vollständig.
Die Benchmarks belegen die Qualität. Auf dem SWE-Bench Verified erreicht GLM-5 starke 77,8 Prozent – nah an Claude Opus 4.5 mit 80,9 Prozent. Beim BrowseComp-Test erzielt es 75,9 Prozent und übertrifft damit sogar Anthropics Flaggschiff. Bei Humanitys Last Exam schafft GLM-5 einen Wert von 50,4.
Zhipu AI ging im Januar 2026 an die Börse in Hongkong und sammelte 558 Millionen US-Dollar ein. Das Modell steht unter der MIT-Lizenz auf Hugging Face bereit. Jeder kann es kostenlos herunterladen, anpassen und kommerziell nutzen. Die API-Kosten liegen bei etwa 0,11 US-Dollar pro Million Token – ein Bruchteil westlicher Preise.
Für Unternehmen im DACH-Raum macht das GLM-5 besonders attraktiv als lokales Modell. Wer bereits mit Corporate LLMs arbeitet, kann GLM-5 vollständig im eigenen Rechenzentrum betreiben. Die Daten bleiben im Haus. Die Lizenz erlaubt alles.
Frank Sieren über die Sanktionen: „Fast das Gegenteil erreicht"
Auf die Frage, ob die US-Sanktionen ein strategischer Fehler waren, antwortet Frank Sieren deutlich: „Das kann man durchaus sagen. Sie haben fast das Gegenteil dessen erreicht, was sie wollten."
Die USA wollten China vom KI-Fortschritt abschneiden, indem sie den Zugang zu Nvidia-Chips blockierten. Doch genau diese Sanktionen haben laut Sieren dazu geführt, dass „auch noch der letzte in China angefangen hat, diesen Rückstand aufzuholen."
Huawei hat sich dabei clever positioniert. Statt einzelne Chips zu optimieren, konzentrierte sich der Konzern auf die Schwachstelle bei Nvidia: die Chip-Cluster. Also die Art, wie Daten zwischen Chips in großen Rechenzentren fließen. Das Ergebnis: Huaweis Cluster sind nach Hersteller-Angaben 60-mal schneller als vergleichbare Nvidia-Systeme.
„Die Chinesen haben einen Umweg gewählt, der gleichzeitig eine Abkürzung ist", erklärt Sieren. Der einzelne Chip sei noch nicht auf Nvidia-Niveau. Doch die Gesamtarchitektur kompensiere das bereits. Und Sieren geht noch weiter: „Wir müssen davon ausgehen, dass sie es in absehbarer Zeit auch schaffen werden, die besten Chips der Welt selbst zu produzieren."
Gleichzeitig bereitet Nvidia die erste legale Großlieferung von 80.000 H200-Chips nach China vor – mit 25 Prozent Zoll. GLM-5 unterstützt neben Huawei Ascend auch Chips von Moore Threads, Cambricon, Kunlunxin, MetaX, Enflame und Hygon. Ein ganzes Ökosystem chinesischer KI-Hardware existiert bereits.
Warum China auf Open Source setzt – Sierens Analyse
Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Ein autoritäres System setzt auf offene Technologie. Die USA mit ihrem marktwirtschaftlichen Ansatz halten die stärksten Modelle hinter Bezahlschranken. Frank Sieren löst diesen scheinbaren Widerspruch auf.
„In den USA haben die Firmen das Sagen", erklärt er. Apple sei das beste Beispiel. Unternehmen verdienen mehr mit geschlossenen Modellen. In China dagegen bestimme der Staat die große Richtung. „Und der Staat denkt volkswirtschaftlich."
Für eine gesamte Wirtschaft sind offene Modelle wertvoller. Sie breiten sich schneller aus. Mehr Entwickler nutzen sie. Mehr Firmen innovieren damit. Open Source beschleunigt den Fortschritt in der Breite – auch wenn Nachbarländer wie Indien davon profitieren.
Sieren bringt es auf den Punkt: „Sie setzen langfristig auf eine wachsende Wirtschaft statt auf kurzfristige Gewinne einzelner Firmen."
Die Zahlen bestätigen diese Strategie eindrucksvoll. China hat bis Mitte 2025 über 1.500 große Sprachmodelle veröffentlicht. Das entspricht 40 Prozent aller globalen Veröffentlichungen. Alibabas Qwen-Familie erreichte im Januar 2026 über 700 Millionen Downloads auf Hugging Face. Noch Ende 2024 lag der globale Anteil chinesischer KI-Modelle an Downloads bei 1,2 Prozent. Heute sind es laut verschiedenen Studien bis zu 30 Prozent.
MiniMax M2.5: Opus-Leistung zu einem Zwanzigstel des Preises
Die Open-Source-Strategie zeigt sich besonders deutlich bei MiniMax M2.5. Das Modell aus Shanghai erreicht auf dem SWE-Bench Verified 80,2 Prozent – nur 0,6 Punkte hinter Claude Opus 4.6. Beim Multi-SWE-Bench überholt es Opus sogar mit 51,3 gegenüber 50,3 Prozent.
Der Preis ist dabei der eigentliche Gamechanger. Eine Stunde durchgehende Nutzung kostet rund einen US-Dollar. Vergleichbare Aufgaben mit Opus kosten etwa 264 Dollar. Das ist ein Kostenvorteil von Faktor 20 oder mehr.
MiniMax nutzt eine Sparse-MoE-Architektur mit 230 Milliarden Parametern. Pro Abfrage aktiviert es nur 10 Milliarden davon. Das eigene Reinforcement-Learning-Framework Forge trainierte das Modell in über 200.000 realen Umgebungen. M2.5 beherrscht den gesamten Software-Entwicklungszyklus in über 10 Programmiersprachen.
MiniMax ging im Januar 2026 in Hongkong an die Börse und sammelte 620 Millionen US-Dollar ein. Intern erledigt M2.5 bereits 30 Prozent aller Aufgaben. 80 Prozent des neuen Codes stammen vom Modell selbst. Für den AI Automations Manager als Berufsbild zeigt sich hier die Praxis: Wer solche Modelle evaluieren, integrieren und steuern kann, hat einen enormen Wettbewerbsvorteil.
Seedance 2.0: Der neue „DeepSeek-Moment" bei Video-KI
Auch jenseits von Sprachmodellen liefert China. ByteDance stellte am 10. Februar 2026 sein Video-Modell Seedance 2.0 vor. Der TikTok-Mutterkonzern erzeugt damit filmreife Videos aus Text-, Bild- oder Audio-Eingaben.
Die Multi-Lens-Erzählweise ist das Kernfeature. Seedance generiert mehrere Szenen mit konsistenten Figuren und einheitlichem Stil. Version 2.0 schafft rund 20 Sekunden kohärentes Video – ein gewaltiger Sprung gegenüber den 5 bis 8 Sekunden der Vorgängerversion. Physik, Stoffe und Bewegungen wirken deutlich natürlicher.
Hollywood reagierte mit Alarmglocken. Die Motion Picture Association forderte ByteDance zum Stopp auf. Disney schickte eine Unterlassungsaufforderung. SAG-AFTRA sprach von einem Angriff auf alle Kreativen. Nutzer hatten binnen Stunden Videos mit Spider-Man, Darth Vader und Baby Yoda erstellt.
Die staatliche Global Times zog Parallelen zum „Sputnik-Moment" durch DeepSeek. Elon Musk kommentierte knapp: „Es passiert schnell." Für Unternehmen bietet Seedance 2.0 trotz der Kontroversen echte Chancen – von UGC-Marketing über Produktvideos bis hin zu Werbeclips in Minuten statt Tagen.
Frank Sieren über Chinas Humanoiden-Strategie
China investiert massiv in humanoide Roboter. Das Beijing Humanoid Robot Innovation Center stellte in derselben Woche den Tiangong 3.0 vor, sammelte 100 Millionen US-Dollar ein und eröffnete eine Pilotanlage für 5.000 Roboter pro Jahr.
Frank Sieren erklärt den Hintergrund: „Das liegt einfach daran, dass China eine Gesellschaft ist, die relativ schnell altert." Ähnlich wie Deutschland fehlen junge Arbeitskräfte. Bei 1,4 Milliarden Einwohnern entsteht eine gewaltige Lücke. Humanoide Roboter sollen sie füllen.
Der Vorteil der menschlichen Form liegt in der Kompatibilität. „Es würde ja theoretisch Sinn machen, Roboter mit sechs Armen zu entwickeln", sagt Sieren. „Aber die würden nicht auf die Arbeitsplätze passen, die für Menschen ausgerichtet sind." Sei es im Krankenhaus, in der Fabrik oder im Lager – humanoide Roboter brauchen keinen Umbau der bestehenden Infrastruktur.
Tiangong 3.0 ist 169 cm groß, wiegt 62 kg und hat 43 Freiheitsgrade. Er springt einhändig über einen ein Meter hohen Block und arbeitet mit Millimeter-Präzision in engen Räumen. Die Konstruktionspläne, das Vision-Language-Modell und der Trainingsdatensatz sind komplett Open Source verfügbar.
Sieren betont auch die gesellschaftliche Komponente: China befinde sich „in einem Umfeld, wo die Menschen offener sind gegenüber technischen Neuerungen." Das erleichtere die Integration von Robotern in den Alltag erheblich.
Auf CES 2026 in Las Vegas stammten 21 von 38 Ausstellern im Bereich Humanoide Roboter aus China. In den letzten fünf Jahren meldeten chinesische Firmen 7.705 Patente in diesem Bereich an – gegenüber 1.561 aus den USA.
Sierens Ausblick: Was nach dem Neujahrsfest kommt
Frank Sieren blickt klar nach vorn. Nach dem chinesischen Neujahrsfest erwartet er zunächst zwei Wochen Ruhe. „Dann fahren die Leute alle nach Hause." Danach stehe die Frage im Raum: Wie belastbar sind die neuen Modelle in der Praxis?
Er rechnet mit „einer ganzen Menge neuer Berichte und Tests, die uns dann positiv überraschen werden." Der erste Innovations-Schub sei nicht der letzte gewesen. Im Gegenteil: Sieren sieht die Dynamik als selbst verstärkend.
DeepSeek arbeitet an Version 4. Alibaba bereitet Qwen 3.5 vor. Die Kombination aus Open Source, sinkenden Kosten und staatlicher Förderung erzeugt einen Kreislauf, der sich immer schneller dreht. Chinas Generative-KI-Nutzerbasis hat 515 Millionen Menschen erreicht. Diese Datenbasis fließt direkt in die nächste Modellgeneration zurück.
DeepSeek hat 2025 bewiesen, wie ein kleines Team mit effizienter Architektur die gesamte Branche aufmischen kann. Das Modell R1 wurde für nur 294.000 US-Dollar trainiert und erreichte GPT-4-Turbo-Niveau. Der daraus resultierende Kurssturz bei US-Tech-Aktien löschte kurzfristig rund eine Billion Dollar an Marktwert.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Veränderung. Chinas KI-Startups Zhipu und MiniMax sammelten zusammen über 1,1 Milliarden US-Dollar bei ihren Börsengängen ein. China hat in fünf Jahren rund 1,6 Millionen KI-bezogene Patente angemeldet – 38,6 Prozent des weltweiten Anteils. Mehr als 5.300 chinesische Firmen arbeiten aktiv im KI-Bereich.
Was deutsche Unternehmen jetzt tun sollten
Die Erkenntnisse aus dem Gespräch mit Frank Sieren haben direkte Relevanz für den DACH-Markt. Open-Source-Modelle wie GLM-5 und MiniMax M2.5 laufen auf eigener Infrastruktur. Das löst die DSGVO-Frage und senkt die Kosten drastisch.
Drei Schritte machen jetzt Sinn. Erstens: Teste ein chinesisches Open-Source-Modell in einer isolierten Umgebung. Zweitens: Vergleiche die Ergebnisse an echten Aufgaben aus deinem Arbeitsalltag. Drittens: Berechne die Kostenersparnis bei vollem Einsatz.
Besonders spannend wird die Kombination aus lokalen Modellen und KI-Agenten-Teams. Mehrere spezialisierte KI-Systeme arbeiten zusammen – eines recherchiert, eines schreibt Code, eines prüft die Ergebnisse. All das funktioniert inzwischen auch mit Open-Source-Modellen aus China.
Frank Sierens Perspektive sollte als Weckruf dienen. Während deutsche Firmen noch über KI-Strategien diskutieren, schaffen chinesische Unternehmen bereits Fakten. Die Preise für Spitzen-KI fallen rapide. Die Verfügbarkeit wächst. Und die Qualität schließt zu westlichen Anbietern auf. Wer jetzt nicht handelt, verliert nicht nur Zeit – sondern auch den Anschluss an einen sich beschleunigenden Markt.
Fazit: Das KI-Rennen hat einen neuen Mitspieler
Frank Sierens Einordnung macht die Tragweite dieser Woche greifbar. Chinas KI-Aufholjagd ist keine Zukunftsvision. Sie findet jetzt statt – mit messbaren Ergebnissen. GLM-5 beweist, dass Spitzenmodelle ohne US-Hardware trainierbar sind. MiniMax M2.5 liefert Frontier-Leistung zu einem Bruchteil der Kosten. Seedance 2.0 setzt neue Maßstäbe in der Videogenerierung. Tiangong 3.0 bringt humanoide Roboter von der Forschung in die Fabrik.
Noch vor einem Jahr lag der globale Anteil chinesischer Open-Source-Modelle bei 1,2 Prozent. Heute kontrolliert China bis zu 30 Prozent der weltweiten KI-Downloads. Das ist kein Trend – das ist eine tektonische Verschiebung.
Sierens zentrale Botschaft: Dieser Innovations-Schub ist erst der Anfang. China setzt auf langfristiges Wachstum statt kurzfristige Gewinne. Und genau diese Strategie könnte sich als der entscheidende Vorteil erweisen.
Wer als Unternehmer im DACH-Raum die neuen Open-Source-Modelle evaluiert, lokale Infrastruktur aufbaut und sein Team qualifiziert, sichert sich einen echten Wettbewerbsvorteil. Das KI-Rennen ist kein Duell mehr zwischen OpenAI und Anthropic. Es ist ein globaler Dreikampf – und China spielt jetzt in der ersten Liga mit.




.png)






.webp)

.webp)

















