Robert Vogel von TQ RoboDrive erklärt, warum Servomotoren der eigentliche Hebel hinter humanoiden Robotern sind. Der frühere KUKA-Manager verantwortet heute den Vertrieb der Servomotoren-Sparte des bayerischen Mittelständlers TQ Group. Im Gespräch mit Leonard Schmedding ordnet er Mechanik, Manipulation und den China-Wettbewerb nüchtern ein. Seine Motoren stecken in Tesla Optimus, Figure und nahezu allen nicht-chinesischen Humanoiden auf dem Markt.
Was ein Servomotor in einem humanoiden Roboter wirklich macht
Ein Humanoid hat im Schnitt 30 bis 35 Freiheitsgrade. Jedes Gelenk braucht einen eigenen Aktuator. Vogel beschreibt den Aktuator als Kombination aus Motor, Getriebe, Lagerung und Steuerung. Der Servomotor liefert die Kraft, der gesamte Aktuator definiert das Bewegungsverhalten.
Boston Dynamics geht beim neuen Atlas sogar auf 56 Freiheitsgrade. XPeng setzt im Iron auf 60 Gelenke. Je mehr Gelenke, desto menschlicher wirkt die Bewegung. Genau diese Imitation entscheidet später, wie gut der Roboter aus YouTube-Daten oder Trainings-Gyms lernen kann.
TQ RoboDrive: vom DLR-Spin-Off zur ISS-Hardware
Der Motor mit dem Namen ILM entstand als DLR-Entwicklung. Professor Hirzinger und sein Team brauchten einen Antrieb mit hoher Drehmomentdichte und Hohlwelle. Daraus wurde ein Spin-Off mit der TQ Group, einem 2000-Mitarbeiter-Unternehmen aus Bayern.
Die Motoren waren 5,5 Jahre auf der ISS im Einsatz. Demnächst fliegen sie mit dem IDEFIX-Rover zum Mars-Mond Phobos. Auf der Erde landen sie über das DLR-Erbe in Kobots, Exoskeletten und Humanoiden. Wir sehen darin ein klares Signal: deutsche Spezialhardware bleibt global gefragt, wenn sie wirklich differenziert.
KUKA-Verkauf an Midea: der strategische Bruch
Vogel war bei KUKA, als der chinesische Midea-Konzern 2016 über 95 Prozent der Anteile übernahm. Das Angebot lag bei 115 Euro pro Aktie. Der Kurs davor schwankte zwischen 60 und 80 Euro.
Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel konnte kein Veto einlegen. Robotik galt damals nicht als systemkritisch. Erst danach folgte das sogenannte Lex KUKA, das deutsche Schlüsseltechnologie besser vor Übernahmen schützt. Für Unternehmen heisst das heute: strategische Beteiligungen brauchen einen klaren Plan, sonst geht Industriewissen verloren.
Quasi Direct Drive: das neue Antriebsprinzip
Quasi Direct Drive (QDD) reduziert die Getriebeübersetzung drastisch. Klassische Industrieroboter nutzten oft Übersetzungen von 1 zu 100 für maximale Präzision. Humanoide brauchen das nicht. Sie regeln Bewegung über Sensorik, Kameras und Kraftmomentenregelung.
Weniger Übersetzung bedeutet weniger Gewicht, weniger Verschleiss, weniger Energie aus der Batterie. Zusätzlich entsteht Backdriveability: der Aktuator lässt sich von aussen zurückdrehen. Ein gestürzter Roboter federt sich ab, statt starr zu brechen. Wir sehen QDD nicht als alleinige Lösung, sondern als sinnvolle Ergänzung im Mischbetrieb.
Locomotion ist gelöst, Manipulation bleibt das Bottleneck
Vogel ist eindeutig: das Laufen, Tanzen und Springen ist mechanisch gelöst. Die Salto-Videos aus der China New Year Gala sind echt, nicht generiert. Das gilt für nahezu alle grossen Hersteller.
Das Bottleneck verschiebt sich auf Fingerfertigkeit und Manipulation. Eine Hand bündelt fast genauso viele Freiheitsgrade wie der gesamte Rumpf. Der Bauraum ist nur ein Bruchteil davon. Für Pilot-Einsätze bei BMW, Mercedes, Magna und Amazon reicht das aktuelle Niveau aber bereits. Mit jedem Humanoiden gehen heute noch zwei Ingenieure zur Betreuung mit.
Deutschland gegen China: das echte Kräfteverhältnis
China hat ein komplett eigenes Ökosystem aufgebaut. Der Staat betreibt Trainings-Gyms, kauft Humanoide für eigene Daten und investiert in Startups. Unitree und XPeng sind Beispiele für vertikal integrierte Hersteller, die Motor und Roboter selbst bauen.
In Deutschland positionieren sich NEURA Robotics und Agile Robots als Systemanbieter. Schaeffler, BMW und Daimler steigen als Investoren und Pilotkunden ein. NEURA hat mit SAP eine Schnittstelle gebaut, die Aufträge aus dem ERP direkt an den Roboter weitergibt. Wir sehen den deutschen Vorteil in der Kombination aus Komponentenherstellern und Pilotkunden. Auch unsere KI-Automations-Manager-Ausbildung setzt genau hier an: KI-Kompetenz aufbauen, bevor die Hardware in der Halle steht.
Tesla Optimus: der unfaire Vorteil
Tesla baut Optimus für die eigenen Fabriken. Das ist nach Vogels Einschätzung der entscheidende Hebel. Wer 500 Roboter in einer eigenen Produktionslinie testet, sammelt Daten in nie gekannter Geschwindigkeit. Ein klassischer Hersteller-Kunden-Vertrag liefert das so nicht.
Boston Dynamics zeigte in Las Vegas die neue Industrievariante. Agility hat Humanoide seit zwei Jahren bei Kunden im Einsatz. Vogel rechnet damit, dass nicht alle aktuellen Startups in drei Jahren noch existieren werden. Für Unternehmen heisst das: Lieferantenstrategie heute schon diversifizieren. Wer das verschläft, riskiert dieselbe Abhängigkeit wie damals bei Industrierobotern aus Japan.
Fazit: Robert Vogel TQ RoboDrive zeigt den realistischen Pfad
Robert Vogel TQ RoboDrive liefert eine seltene Kombination: 20 Jahre Robotik-Erfahrung plus aktuelle Hardware-Sicht. Sein Kernpunkt ist klar. Die Mechanik ist gelöst, die Software definiert das Tempo. Die Lieferkette entscheidet über die Geschwindigkeit. Wir sehen Roboter nicht mehr als reines Werkzeug, sondern als Software-definierte Infrastruktur.
Der ChatGPT-Moment der Robotik kommt nach Vogels Einschätzung nicht 2026, aber 2027 oder 2028. Wer jetzt Pilotprozesse aufsetzt, gewinnt zwei Jahre Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Mehr dazu in unserer Übersicht zu KI-Beratungsleistungen.
Häufige Fragen
Was ist ein Servomotor in einem humanoiden Roboter?
Ein Servomotor liefert die Kraft für ein einzelnes Robotergelenk. Im humanoiden Roboter sitzt er gemeinsam mit Getriebe, Lagerung und Steuerung in einem sogenannten Aktuator. Erst der komplette Aktuator definiert Bewegung, Drehmoment und Nachgiebigkeit. Ein Humanoid braucht 30 bis 60 dieser Einheiten, je nach Anzahl der Gelenke und Freiheitsgrade.
Warum ist TQ RoboDrive in Tesla Optimus und Figure verbaut?
TQ RoboDrive entwickelte gemeinsam mit dem DLR den ILM-Motor mit besonders hoher Drehmomentdichte und Hohlwelle. Diese Eigenschaften passen exakt zum Bauraum eines Humanoiden. Robert Vogel bestätigt: nahezu alle nicht-chinesischen Humanoid-Hersteller haben Motoren von TQ RoboDrive eingesetzt oder evaluiert. Welche Hersteller in die Serienfertigung gehen, bleibt offen.
Was ist Quasi Direct Drive (QDD) und warum ist es wichtig?
QDD bedeutet sehr niedrige Getriebeübersetzung statt klassischer 1-zu-100-Untersetzung. Das spart Gewicht, Bauraum und Energie aus der Batterie. Zusätzlich entsteht Backdriveability: der Roboter federt bei Stürzen ab, statt starr zu brechen. QDD ist nicht der einzige Antriebsansatz, aber der dominierende Trend für humanoide Beine und Hüften.
Wer gewinnt das Humanoid-Rennen: Tesla, China oder Deutschland?
Robert Vogel sieht Tesla im Vorteil, weil das Unternehmen sein eigener Kunde ist und Daten in Eigenproduktion sammelt. China hat das schnellste Ökosystem aus Staat, Startups und Trainings-Gyms. Deutschland positioniert sich über NEURA, Agile Robots, Schaeffler und KUKA-Erbe. Drei Jahre Vorsprung sind nirgendwo zementiert.
Wann sind humanoide Roboter im Haushalt einsatzbereit?
Vogel rechnet mit zwei bis drei Jahren bis zum skalierbaren Industrieeinsatz in Logistik und Montage. Für Haushaltsaufgaben wie das Ausräumen der Spülmaschine veranschlagt er deutlich länger. Die offene Welt eines Privathaushalts stellt höhere Anforderungen an Sensorik, Sicherheit und Manipulation als jede industrielle Pilotzelle.
















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